Friedhof der Erinnerungen

 

von Maxime de La Roche

 

Vor langer Zeit, gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, entschloss sich der Rat einer alten Stadt eine Untergrundbahn zu bauen, um die Fahrzeit in ihre südlichen Viertel ein paar Minuten zu verkürzen. Die Bahn sollte unter einer Straße fahren, die schon die Römer angelegt hatten, damit sie aus dieser fernen Kolonie bequem in ihre Heimat gelangen konnten. Nun lag an dieser Straße ein Haus, das schwerer als die anderen war, weil das Gedächtnis der Stadt in ihm aufbewahrt wurde: Ratsprotokolle, Urkunden, Stadtpläne, Grundbücher, alte Handschriften, Nachlässe prominenter Bürger … Die Stadt war die bei weitem älteste Metropole des Landes, und so wundert es nicht, dass ihr Gedächtnis länger zurückreichte, größer und bedeutender als das aller anderen Städte war, und um all diese so alten wie empfindlichen Schätze vor Witterungsschwankungen und bösartigen Angriffen zu schützen, hatte man das Gebäude mit besonders dicken Wänden ausgestattet.

Selbst in den letzten Jahren war die Stadt noch gewachsen und hatte derart an Bedeutung gewonnen, dass dieser Ort für ihr Gedächtnis in wenigen Jahren zu klein werden sollte. Sein Behältnis aber war derart in die Stadt eingezwängt und seine schützenden Wände waren so gewaltig, dass man es nicht mehr erweitern konnte, ohne seine Statik zu gefährden oder angrenzende Häuser abzureißen. Bereits nach vierzig Jahren musste man ein neues Gebäude an einem anderen Ort vorsehen.

Als nun die Pläne zu der Untergrundbahn reiften, erstellte man eine Liste der besonders schutzwürdigen Gebäude an ihrer Strecke. Unglücklicherweise hatte man damals das Gedächtnis der Stadt an seinem alten Ort bereits vergessen, wodurch es in die Liste der wichtigen Häuser über der Untergrundbahn nicht aufgenommen wurde, und so geschah es, als durch ein Missgeschick Wasser in das noch unfertige Untergrundbauwerk drang, welches man bemüht war, eilig leer zu pumpen, dass der Boden unter dem Stadtgedächtnis erweichte, das Gebäude mit all seinem Gut in sich zusammenfiel und in den Schacht der Untergrundbahn rutschte; Trümmer, Protokolle, Schriften, Nachlässe, Grundwasser: alles ein Matsch.

Da war das Wehklagen groß! Wie war das möglich, warum hat man es nicht kommen sehen, wo war der Fehler, wer ist schuld, welche Akten fehlen, was ist zu tun … ? Zwar konnten die Trümmer abgetragen und die meisten Güter geborgen werden, zwar konnte unter Mitwirkung von hunderten Helfern in einigen Jahrzehnten ein Teil der wertvollen Schriftstücke wieder lesbar gemacht werden, für einen großen Teil aber, wenn nicht den größten, kam jede Hilfe zu spät, er war unrettbar verloren. Und dort, wo einst das Gedächtnis der Stadt wehrhaft den Zeiten trotzte, blieb nichts als ein riesiger Krater, von dessen Boden das trübe Grundwasser unschuldig die Passanten anstarrte.

Die Bürger aber liebten ihre Stadt. Jedoch, ob sie es wollten oder nicht, gehörte zu der Stadt von nun an der Verlust ihres Gedächtnisses, und wie sie ein Teil ihrer Stadt waren, war dieses Unheil nun auch ein Teil von ihnen, es waren ja die fixierten Hinterlassenschaften all ihrer Vorfahren, die sie dort deponiert und nun auf so schmerzliche Weise verloren hatten. Waren die Bürger zuvor stolz auf den Reichtum ihrer Geschichte und ihres Gedächtnisses, so gehörte künftig das Desaster des Verlustes zu ihrer Identität. Verständlicherweise dauerte es einige Jahre, aber mit der Zeit begannen die Bewohner der Stadt, diese entkernte Eigenheit ihrer selbst anzunehmen. Sie hatten ja auch keine Wahl. Nachdem sich ihre Schockstarre gelöst hatte, fingen die Bürger an, ihrem gemeinen Verlust nachzueifern. Den Anfang machten ein paar Witzbolde, es folgten einige Freidenker und Künstler, die zunächst noch zögerlich, dann mit ritueller Sicherheit, bald aber zunehmend entschieden Dinge ihrer persönlichen Erinnerung in den Krater warfen. Es kamen die Büroangestellten hinzu, die Arbeiter, gefolgt von Handwerkern und Beamten, am Ende waren es auch die vermeintlichen Meinungsführer; sie alle warfen ihrem untergegangenen Gedächtnis zuerst nur unliebsame Briefe hinterher, danach bereits abgelegte Bücher und Souvenirs ferner Reisen, später Dokumente ihres Lebens und schließlich sogar Fotografien ihrer Kindheit. So, wie ihre Vorfahren in den großen Fluss stiegen, der die Stadt tangierte, um all ihre Sorgen wegzuspülen, so entledigten sich die Bürger nun ihrer Erinnerungen. Alle Andenken deponierten sie in dem Krater ihres verlorenen Gedächtnisses, der zu einem so beliebten Ort der Entsorgung wurde, dass aus dem Krater bald ein Hügel, ja, ein Berg, ein Monument der Erinnerung erwuchs. Auf diese wunderbare Weise von der Schlacke ihrer Vergangenheit befreit spürten die Bürger eine große Erleichterung, unbeschwert von alten Vergegenständlichungen sprossen ihre Gedanken mit verstärkter Kraft und erhöhter Lebendigkeit. Aller Erinnerungen hatten ihren Frieden gefunden, und die Bürger lebten glücklich bis an das Ende ihrer Tage.

März 2012

© Maxime de La Roche

 

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